| 14.09.2009Michael Erlhoff Sinn als Erkenntnis – Raoul Hausmann als Empiriker – „Er zielte ins Vage – und er traf ins Schwarze” (Benjamin Lieke)
Gewiss geriet ihm das nicht immer ohne Widerspruch, und gelegentlich mag sich sogar der Eindruck einstellen, er habe gewissermaßen überhaupt nicht mehr gewusst, wo eigentlich die Richtung für die Zielscheibe gegeben war, oder er habe allzu viel gezittert beim Zielen: Gleichwohl entwickelte er schon sehr früh zumindest Bruchstücke einer Theorie der Unschärfe – und dafür zusätzlich Bilder und poetische Texte, diese Unschärfe wahrnehmen zu können. Das macht übrigens auch, das seine Texte und sonstigen Arbeiten, obwohl gelegentlich pathetisch vorgetragen, jedem Dogmatismus widersprechen.
Irgendwie soll dieser Text nicht von Raoul Hausmann handeln (was ihn ja lediglich abstrahieren würde), sondern ihn verstehen; was auch bedeutet, dass selbst immer dann, wenn von ihm und seinen Arbeiten nicht ausdrücklich die Rede ist, er und seine Arbeiten ständig den Fokus der Auseinandersetzung bilden. Einhergehend damit wird hier nicht in kunsthistorischer Geste das philologische Terrain durchmessen, vielmehr werden in offener Form Hausmanns radikale Kritik an Wissenschaft und seine neue Reflexion von Material und Erfahrung erörtert. Mithin wird auch diesen Text eine gewisse Unschärfe als Eingeständnis und als Qualität dessen kennzeichnen, dass Kommunikation und somit auch Wahrnehmung allemal uneindeutig sind, deshalb jeden Versuch von Eindeutigkeit als ideologisch beschreiben und stattdessen Einverständnis erheischen müssten. Diesem Vorhaben entspricht ebenfalls die Form dieses Textes, in angemessener Empathie auf Hausmanns Verständnis von Denken und Handeln sich einzulassen. Denn jene Denk- und Schreibweise des Raoul Hausmann ist ebenso plausibel wie praktisch und entspricht eben jener anregenden Formulierung assoziativer Logik. Unter anderem bedeutet dies, Sprache als Material der öffentlichen Entwicklung von Gedanken und als eigenartig assoziativ visueller und akustischer Dimension zu vertrauen. Hausmann selber beschrieb dies in etlichen poetischen Texten (zum Beispiel in „Grün” oder „Baumschulen”) und auch in – so stellen sich die meisten seiner schriftlichen Arbeiten vor – den semi-poetischen wie etwa in dem „Manifest von der Gesetzmäßigkeit des Lautes” mit dessen Erläuterung sprachlicher Artikulation aus der Physiologie all jener Körperteile, die für die Bildung des Lautes relevant sind. Schließlich referiert dieser Text – und auch dies kann man von Raoul Hausmann lernen – darauf, dass ein Text erst im Verständnis derer, die ihn wahrnehmen, sich realisiert. Hiermit wird also eine produktive Aneignung als Verständnis behauptet und somit an Leserinnen und Leser appelliert, ihn undogmatisch zu lesen und mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen zu vermitteln. Texte nämlich entstehen erst in der Vermittlung.
1. Wenn Raoul Hausmann als radikaler Kritiker von Wissenschaft bezeichnet wird, dann bedarf dies womöglich kurz einer Erklärung, wovon die Rede ist, wenn das Wort Wissenschaft zitiert und eingesetzt wird: Unter Wissenschaft, so erkenntniskritischer Konsens, versteht man den jeweils nachträglichen Versuch einer Rekonstruktion von Daten und deren Konfiguration zu einem Paket, das dann als Wissen angeboten wird. Symptomatisch für Wissenschaft ist, dass sie immer ihre jeweilige Rekonstruktion und Konfiguration jenseits sozialer, ökonomischer und auch historischer Bedingungen und ohne offensichtliche Reflektion der in diesem Bestand eingegangenen Interessen als objektiv und so schon fast jeweils als transzendental und ohnehin unbegreiflich behauptet. Das Ergebnis soll jeweils ein Wissen sein, das einfach als Gegebenes und zu Lernendes hinzunehmen sei: Wissen sei dementsprechend lediglich abfragbar, nicht aber befragbar und diskutierbar. Es wird eben vorgestellt als unangreifbares Monument. – Hausmann hat dies übrigens sehr ausdrücklich in seinem Text „Trommelfeuer der Wissenschaft” sehr genau, wenngleich in seiner typisch assoziativen Weise, dargestellt. Warum Wissenschaft als gewissermaßen Ersatz-Theologie typisches Phänomen des 19. Jahrhunderts wurde (und sich sogar bis heute so intensiv durchgesetzt hat und auch die Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts heftig durchwehte) und solch eine Dominanz erhalten hat, ist eigentlich etwas mühsam zu verstehen: Hausmann verwies völlig berechtigt in etlichen seiner Aufsätze auf die politischen und wirtschaftlichen Interessen, die solch eine Vorstellung von Wissenschaft konstituieren, und auch darauf, dass solch Bild von Wissenschaft genau das verspricht, was gesellschaftlich ansonsten überhaupt nicht vorhanden ist: Vermeintliche Sicherheit in unsicheren Zeiten, etwas, an dem man sich festhalten könne. Nicht unversehens, dass autoritäre Systeme sich immer wissenschaftlich zu begründen suchten, und hilfreich ist, sich selbst zu verdeutlichen, dass das englische Wort „to know” sich aus der Gnosis herleitet, eben aus theologischer Betrachtungsweise (anders dagegen „acknowledge”, das die Agnostiker zitiert). Noch etwas gehört hintergründig zur Realität von Wissenschaft: Gerade einige Intellektuelle wie eben Raoul Hausmann wurden spätestens durch den „Ersten Weltkrieg” drastisch darauf aufmerksam, wie sehr Wissenschaft nicht nur als Ideologie von Brutalität perfekt funktionierte, sondern regelrecht Unmenschlichkeit braucht, um sich als Wissenschaft zu etablieren. Dies erwies und erweist sich je an den diversen Formen, wie Wissenschaft ihre Gegenstände zurichtet und zerstört, um die jeweils gewünschten Ergebnisse zu erreichen (sehr gut erläutert dies das dafür zuständige deutsche Wort „Wissenschaft“, da jener Teil „schaft” dem englischen Wort „to scape” entspricht also nichts anderes beschreibt, als dass hier Wissen eingerichtet wird). Diese Gewaltform von Wissenschaft gegenüber jeder Erkenntnis und gegenüber lebendigen Wesen und auch Gegenständen wurde schon zu Hausmanns Zeiten auch deutlich in der wissenschaftlichen Besessenheit, Daten zu erheben (obwohl Philologie doch nichts anderes bezeichnet als eine allgemeine und gewiss auch absurde Liebe zur Logik) und zugleich in der Tatsache, dass Wissenschaft traditionell nicht einmal ihre eigene Historizität reflektiert, eben ihre Wirklichkeit, ständig neues und zuvor als objektiv gesichertes Wissen irgendwann zu widerlegen und somit ebenso bloß abstraktes Wissen zu produzieren. Die Einsicht in diese ideologische, legitimatorische und sogar brutale Dimension von Wissenschaft wurde für viele im Kontext von Dada und insbesondere für Raoul Hausmann explizit oder wenigstens implizit zum Leitfaden ihres Denkens und ihrer Arbeit. – Woraus übrigens unter wissenschaftlichen Aspekten verständlicherweise resultiert, dass man genau deshalb Dada entweder als Ansammlung von Unsinn missverstehen mag und damit diffamiert oder beispielsweise über Kunstwissenschaft zu neutralisieren versucht. Wissenschaft nämlich unterschlägt die Kompetenz von Erkenntnis und von erkennender Phantasie und ignoriert die Qualität des Essays, eben jenes immer nur geäußerten Versuchs – der Essay war in so vielfacher Weise typisch für die kritischen Intellektuellen jener Zwanziger Jahre –, man denke nur an Walter Benjamin und dessen Postulat des „prismatischen Schreibens”, unter dessen Aspekt man auch etliche Texte von Hausmann besser verstehen könnte, da doch der Essay das wissenschaftliche Ritual vermeintlicher Objektivität zutiefst ruiniert.
Dabei macht Sinn, diese Gedanken mit dem Blick auf einige theoretische Debatten und Entwicklungen jener Zeit zu verbinden, die für Hausmann mittelbar und unmittelbar prägend waren und ihn beeinflussten. Wobei man sogleich entdecken könnte, wie beträchtlich in der entfalteten Industrialisierung und Marktwirtschaft einerseits und nach dem Ende von Aufklärung und auch von Romantik (davon waren gewissermaßen nur noch die Gartenlauben-Idylle und am anderen Ende der Skala ein exekutierter Marxismus übrig geblieben) andererseits die entwickelte Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts ein Vakuum fixierbarer theoretischer Schulen oder fester Lehrgebäude hervorbrachte. Alles schien nun fest gemauert: Die Wissenschaften hatten sich spezialisiert, Philologen alles ordentlich strukturiert und in Schubladen gepackt, Spezialisten funktionierten gemäß der wirtschaftlichen Entwicklung, und nichts schien weiterhin fragwürdig. Man sortierte und gruppierte bloß noch. Doch eben dieses Vakuum ermöglichte ganz neue ausufernde und phantastische theoretische Ansätze, Modelle und Konzepte. Beispielsweise entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts jene bis dahin unbekannten Technischen Hochschulen und entstand die Vorstellung vom Ingenieur – eben von dem, der „in genius“ als Genie die in Einzel-Wissenschaften zerfallenen Kompetenzen und Erkenntnisse wieder zusammenfügen sollte. Der neue Berufsstand der Ingenieure sollte Spezialisierungen auflösen, und man erhoffte sich von diesen integrative oder – wie wir heute formulieren würden – interdisziplinäre Qualitäten, die Gegenwart und Modelle der Zukunft intensiv und vernetzt zu begreifen. – Egal, was aus diesen Ingenieuren, die bekanntlich doch wieder in Spezialisierungen sich verliefen und so verelendeten, geworden ist: Einst und eben zur Zeit der theoretischen Entwicklung von Hausmann und dessen Umfeld war das sehr bedeutsam und geradezu revolutionär. Insofern verwundert keineswegs, dass Hausmann in etlichen seiner Texte sehr positiv über das Ingenieurswesen schrieb und ohnehin ganz im Stil dieser Dimension die Arbeiten von Tatlin ausdrücklich verehrte (s. seine bekannte Collage „Tatlin at Home”) und ja auch mit der Collage „Les Ingenieurs” seine Verehrung gegenüber dieser Kompetenz publizierte.
Ein anderer sehr wichtiger theoretischer Prozess in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts muss dringend beschrieben werden: Ausgerechnet in Wien wurde plötzlich Immanuel Kant wiedergelesen und begann man sich insbesondere mit seiner Kritik an Wahrnehmung und seiner Betonung der Qualität von Erfahrung (als kritisch verarbeiteter Wahrnehmung) zu beschäftigen – mit jener Kritik von Kant vor allem gegen Shaftesbury und dessen schlichter Akzeptanz von Wahrnehmung als realistisch („was ist, ist“), die vielfach bis in unsere Tage die tiefe Differenz zwischen angelsächsischer und kontinental-europäischer Vorstellung des Anspruchs an Denken formuliert. Doch, und auch dies ist wichtig zum Verständnis der Arbeiten von Hausmann, solch „Neo-Kantianismus“ trieb sehr unterschiedliche Blüten. Insofern verwundert keineswegs, dass Hausmann in etlichen seiner Texte sehr positiv über das Ingenieurswesen schrieb und ohnehin ganz im Stil dieser Dimension die Arbeiten von Tatlin ausdrücklich verehrte (s. seine bekannte Collage „Tatlin at Home”) und ja auch mit der Collage „Les Ingenieurs” seine Verehrung gegenüber dieser Kompetenz publizierte.
Ganz anders agierte ein weiterer Wiener, der für Poesie und Kunst noch eklatanter wichtig wurde. Die Rede ist von Ernst Mach. Denn dieser untersuchte vielfältig, was Wahrnehmung überhaupt sei, was man wirklich sieht und hört und mit anderen Sinnen erfährt und erfahren kann. Womit er ganz ohne Pathos die Frage nach dem Sinn neu stellte und eine neue Diskussion über Empirie entfachte – berühmt ist seine Zeichnung, die genau das in einem Zimmer versucht abzubilden, was die Augen wirklich sehen und nicht sich einbilden. Hier übrigens wäre aus der Mitte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich der deutsche Naturwissenschaftler Hermann von Helmholtz zu zitieren, da er unter anderem doch auch bewies, dass unsere Augen zum Beispiel keine Parallelen und keine rechten Winkel sehen können, die Anschauung dieser lediglich eine Konstruktion unseres Gehirns sei – was bis heute zumindest alltäglich kaum verstanden und theoretisch etwas verbrämt lediglich in der Theorie des „Konstruktivismus“ erläutert wurde. Zumal wäre ja aufschlussreich, die Gründe für solch neuronale Konstruktion genau zu erörtern und im Rahmen ästhetischer Theorie zu verarbeiten. Interessant zumal im Kontext Wien – und Raoul Hausmann war Wiener von Geburt und erster Erziehung – ist zudem, dass im Jahr 1900 Sigmund Freud seine „Traumdeutung“ veröffentlichte. Dieser Sigmund Freud nämlich verstand sich selber und die von ihm entwickelte Psychoanalyse stets als empirisch. Was in vielen seiner Texte belegt ist und ebenso in der Praxis von Psychoanalyse. Denn es geht dabei um eine präzise – und eben nicht ideologische und aufgepfropfte – Beobachtung dessen, was geschieht und was geschehen ist und was erinnert wird. Außerdem integrierte Freud, der sich bekanntlich vorrangig als Naturwissenschaftler verstand, in seiner Theorie und Praxis Kompetenzen aus Kulturwissenschaft, Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Kunst- und Literaturwissenschaft – und er betonte (erneut ganz empirisch) den intensiven Zusammenhang und die Vermittlung von Theorie und Praxis. Raoul Hausmann kam bekanntlich über den Hausmanns Freund Franz Jung nahe stehenden und von Sigmund Freud als einen seiner zwei besten Schüler bezeichneten, gleichwohl sehr komplizierten Otto Gross zu einem Diskurs über Psychoanalyse und verarbeitete diese implizit in manchen seiner Texte.
Noch wichtiger war für Raoul Hausmann die in diesem gesamten Zusammenhang von Vermittlung und Verortungen der Sinne und sinnlicher Wahrnehmung offenkundig erneut und nun sehr offensiv vorgetragene Arbeit an Synästhesie. Nun kann man diese Erörterungen durchaus als romantisch bezeichnen, denn schon von Novalis bis Richard Wagner wurde sehnsüchtig an solch integrativen Prozessen praktisch geforscht: Immerhin opponierte schon die frühe Romantik gegen eine vernünftelnde Ableitungslogik, die tendenziell Verordnungen des Denkens evozierte, und setzte dagegen auf solch vernetzende Handlungen wie Träume, Trauer, Glücksgefühle ... und deren sinnliche Artikulationen. Aber erst jetzt am Ende des 19. Jahrhunderts und gegründet auf einer neuen Diskussion um Immanuel Kant und auf den neuen Erkenntnissen von Naturwissenschaft und Technik gewann diese Dimension des Diskurses um und des Angebots für eine integrative Wahrnehmung eine ganz neue Dynamik. Dies reicht von Wladimir Baranoff-Rossiné bis zu Alexander N. Skrjabin und dann zu Leon Theremin und eben Raoul Hausmann. – Denn Hausmann suchte in vielen seiner Arbeiten genau diese Synästhesie, eben die Beziehung aller Sinne untereinander – oder wenigstens von Visualität und Akustik: Das gilt ebenso für seine optophonetischen Gedichte und dann selbstverständlich für seine Reflexionen über ein Farben-Klavier und dessen versuchte Realisation.
Dilettantismus bietet immerhin den Vorteil, gar nicht erst sich als ideologie-verdächtig und im traditionellen Sinn als objektiv anzubiedern, da es a priori keinerlei Ableitungslogik oder so genannte wissensbasierte Fertigkeiten für sich beansprucht und propagiert, sondern auf Erfahrungs-Kompetenzen und sogar auf gewissermaßen automatische Aktivitäten des Gehirns verweist, gedanklich beispielsweise auf jene Tatsache, dass gelegentlich der Kopf klüger ist, als man denkt, oder das man bekanntlich dann zum Beispiel etwas erinnert, wenn man sich gerade nicht darauf konzentriert. Wobei stets zu bedenken ist, dass solche Prozesse im Kopf wahrlich nicht ableitungslogisch verlaufen, sondern assoziative Kompetenzen anbieten. – Vereinfacht und dennoch nicht falsch könnte man das Genialische, das Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft” so eindrücklich formulierte und das mit dem genial Dilettantischen sich klar verbindet, tentativ folgendermaßen erläutern: Angesichts einer nach unten weisenden Treppe würde ein Ableitungslogiker, nachdem er das System verstanden hätte als gleichförmiges und abwechselndes Bewegen der Füße in gleichförmigen Abständen, dann fürchterlich auf die Schnauze fallen, wenn beispielsweise die drittletzte Stufe vom System versehentlich abweichen würde, da dies in seine abstrahierte Vorstellung nicht passen würde - genialisch wäre man sich jedoch ständig gewiss, dass innerhalb des Systems ganz sicher Fehler existieren, die fantasievoll zu antizipieren seien , auf dass man eben nicht auf die Nase falle. Das heißt: Erkenntnis braucht Phantasie und basiert eben nicht auf gesicherten Formaten so genannten Wissens. – Das übrigens für das Erkenntnisvermögen von Erfahrung und noch mehr für den Eindruck von Ästhetik gilt.
Das macht, wie Kurt Schwitters einst und angesichts zumal der im Ersten Weltkrieg offenbarten gesellschaftlichen Sinnlosigkeit von offizieller Grammatik und Sprachlosigkeit schrieb: Dada werte Werte gegen Werte, und Dada erörtere Sinn gegen den herrschenden Unsinn.
Verbleiben wir noch ganz kurz in der Zeit vor Dada, so fällt – etwas vereinfacht – auf, dass im Jugendstil mit dessen merkwürdigem Rekurs auf eine zu transformierende Natürlichkeit und auf sichtbare Beweglichkeit durchaus die zuvor beschriebenen Reflexionen aufgenommen wurden, Teile des (zumeist deutschen) Expressionismus dagegen ganz existenzialistisch eine durchaus metaphysische Innerlichkeit vortrugen, also Sinnlichkeit in diesem Sinn negierten oder lediglich einem ziemlich katastrophalen Konzept von Katharsis opferten (was andererseits gerade Kirchner zum Beispiel nicht betrifft). Richtig überraschend gerieten die diversen Spielarten von Konstruktivismus, da diese sich allemal prinzipiell (teils anarchistisch, teils hegelianisch – im Sinn einer „Phänomenologie des Geistes“ – und in vergleichbaren Spielarten) zu begründen suchten und agierten – allerdings wurde auch hier, wie dann bei Dada, die künstlerische Handlung als ebenso theoretische und erkenntnis- wie erfahrungsorientierte Aktion und Reflexion verstanden.
Viel radikaler aber ist Raoul Hausmann in seinen poetischen, bildnerischen und theoretischen Exkursen. Denn er tritt jederzeit als Empiriker und im Bewusstsein medialer Dialektik auf. So wird er zum präzisen Beobachter und schafft gelegentlich mit seinen Aktionen interventionistische Situationen qualitativer Empirie. Beispielsweise: Hausmann tanzt, aber tut dies eben nicht als Groteske oder als Ausdruckstanz, sondern versucht damit, den ihn umgebenden Raum und die genaue menschliche Bewegung darin zu verstehen und mitzuteilen. Er schreibt über Mode, kritisiert in diesem Text jedoch ganz süffisant, wie die Männer sich darin jämmerlich bewegen. Seine Performances verwirren die Erwartungshaltungen des Publikums und verführen es zum Nachdenken über die Sinne und über die Körperlichkeit. Dazu passt sein Manifest über die Laut-Poesie, da er es damit beginnt, sehr detailliert über die Bildung des Lautes im Rachen und im Kehlkopf zu schreiben, also die phonetische Poesie als sinnliche Aktion darzustellen. Was bekanntlich ebenso seine optophonetischen Gedichte wie „k’perioum“ betrifft, deren visualisierte Darstellung die akustische Performance sinnlich verdeutlichen soll.
Überaus deutlich werden seine wissenschaftliche Kompetenz und assoziative Eigenart bei der Entwicklung seines „Optophons“, also seiner sehr neuartigen und technisch weiterentwickelten Gestaltung eines Farben-Klaviers: Nicht nur wurde dieses Mitte der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vom Berliner Patentamt lediglich deshalb abgelehnt, weil es „unsinnig“ sei, und nicht deshalb, weil es nicht funktionierte (wobei selbstverständlich Licht- und Tonwellen keineswegs kongruent sind und eine Quasi-Harmonisierung nur dann gelingt, wenn ein gemeinsamer Startpunkt voluntarisch festgelegt wird und darauf gebaut Farbe gespielt und Töne bunt werden). Umso wichtiger ist, dass er gemeinsam mit dem Bruder von Vera Broido dieses Konzept der optophonetischen Maschine in eine elektronische Rechenmaschine sinnvoll umbauen konnte und diese vom Londoner Patentamt akzeptiert wurde – nicht mehr dann allerdings seine erneute Variante, dieses Gerät zur Ortung deutscher U-Boote zu nutzen, was allzu unheimlich wirkte (interessant übrigens ist hier der Vergleich zu der ursprünglich österreichischen Filmschauspielerin Hedy Lamarr, die gemeinsam mit dem experimentellen amerikanischen Komponisten George Antheil nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zur besseren Treffsicherheit von Torpedos das „frequence hopping” entwickelte, was von der US-Navy, da diese traditionellen Vorstellungen von Wissenschaft folgte und Kunst wie Musik als solche nicht akzeptierte, nicht genutzt, später jedoch Grundlage mobiler Telefone wurde). – Dies ist ein wunderbares Beispiel für eine assoziative Logik und deren sehr neuartige Effizienz.
Mehr noch: Hier erweist sich bei Raoul Hausmann zusätzlich ein Phänomen der neueren Geschichte der Kunst – dass diese nämlich sich gelegentlich intelligent durch Annäherung an Architektur, Design, Erfindungen und neue Wissenschaftskonzepte je zu sozialisieren gesucht hat (bloß missverstandene Sozialität verendete je in harmlos illustrativem Realismus. So setzt sich Raoul Hausmann in wahrlich theoretisch zu nennenden Schriften mit Newton auseinander oder auch mit Oswald Sprengler, über Franz Jung wird er mit Otto Groß und dessen aktivistischem Verständnis von der Psychoanalyse bekannt, er wettert gegen allerlei andere Theoreme und zeigt sich jederzeit als Teilhaber am allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit. Gleichwohl zeugt dies ja nur von seiner erkenntnistheoretischen Nervosität und sollte man sich gegebenenfalls ohnehin fragen, ob nicht gelegentlich Zusammenfassungen schon reichen, genug Einsicht in ansonsten voluminöse Werke zu erhalten, diese berechtigt, aufmerksam und allemal tentativ kritisieren zu können. Zumindest gelegentlich handeln doch auch jene, die sich mit Wissenschaft schmücken, nicht anders oder sie sind zumindest unbewusst oder vorbewusst getrieben, ihre Anschauungen dann gelehrig auszubreiten. – Klar, solche Argumentation ist heikel, aber ebenso redlich und sinnvoll, wenn allgemein nicht von Wahrheits-Verkündigungen ausgegangen wird, sondern von Erkenntnisversuchen. – Womit sich nebenbei gleich der Einwand, Hausmann sei bloß oberflächlich, erledigen könnte. Immerhin hatte beizeiten schon der Philosoph Ernst Bloch gegen allen Tiefsinn eingewandt „Banalität durch Tiefe“ und Ferruccio Busoni gewettert: „Die Tiefe wird zur Breite, und man trachtet, sie durch Schwere zu erreichen.“
Bei Raoul Hausmann gilt solch gestalterische Aktivität auf jeden Fall für den durchaus reflektierten Umgang mit Typographie und für seine Layouts von Zeitschriften und Ankündigungs-Karten. Sehr spannend sind dabei insbesondere Hausmanns typographische Emanationen, in denen sich (visuelle) Poesie und Typographie kaum noch unterscheiden lassen.
Genau dies jedoch führt eben zu einer aufregenden Verbindung von Poesie und Alltäglichkeit und zu einer Anschauung, die den Alltag ebenso würdigt wie die artistische Arbeit. Klar: Dies spricht einmal mehr für diese lebendige Form von Erkenntnis und Erkenntniswirklichkeit und für Empirie.
Runden wir diese Erläuterungen zu Raoul Hausmanns erkenntniskritischen Arbeiten also ab: Was da vordergründig und von heute aus betrachtet als naiv erscheint, ist eher als unbefangen, assoziativ und integrativ und als gebrauchswert-orientiert zu lesen und zu sehen. Hier sind Wissenschaften kontextualisiert und werden Transformation und auch Patchwork zu (erkenntnis-) interessanten Kategorien. Konsequent wird Erkenntnis als zeitgebunden und als politisch verantwortlich konzipiert und wird die allgemeine Auflösung in Spezialwissen radikal infrage gestellt (s. viel später Richard Buckminster Fuller: „Spezialisten sind Sklaven“).
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