14.09.2009Uta Brandes
Männer spielen Frauenspiele*


Es ist  eigentlich so klar: Fußball ist weiblich. Umso erstaunlicher, dass dermaßen viele Männer sich dieser typisch weiblichen Tätigkeit hingeben - praktisch, theoretisch und rezeptiv.

Gut, wir könnten versucht sein, daraus zu schließen, unsere Gesellschaft habe sich so weit emanzipiert, dass es kein Problem mehr darstellt, wenn Männer weibliche Bereiche erobern, ja darin sogar zu enthusiastischen Fans werden. Irritierend an dieser These ist lediglich, dass es sich bei Fußball offenbar um den annähernd einzigen frauentypischen Bereich handelt,  in dem Männer wildern.

Vergewissern wir uns exemplarisch wesentlicher Merkmale und Tätigkeiten, die männlich oder weiblich konnotiert sind, und vergleichen wir diese mit jenen, die beim Phänomen Fußball ins Auge springen: In unseren entwickelten westlichen Gesellschaften assoziieren wir  als frauentypisch - um nur einige zu nennen: rund, emotional, körperbetont, modisch-erotisch... .

1. rund
Bereits der gute alte Sepp Herberger (1897-1977), der der (west)deutschen Männer- Nationalmannschaft von 1950-1964 als Bundestrainer vorstand, hatte erkannt: „Der Ball ist rund". Wie recht der Mann hatte. Frauenkörper weisen viel mehr Rundungen auf als die männlichen, Rundungen sind Frauen also vertraut. Neben- oder wahrscheinlich gerade wegen -  dieser Körpernähe zum Runden wird Frauen ein besonderes Verhältnis nachgesagt zu allem, was harmonisch statt kantig, handschmeichlerisch statt hart ist. Runde Formen kommen in der Natur vor, rechteckige oder quadratische sind kulturelle Artefakte. Frauen werden dem Naturhaften zugeordnet, Männer dem Kulturellen; oder, deutlicher gesagt: Während das weibliche Prinzip Natur verströmt, ist der Mann Inbegriff des Geistes. Schließlich heißt es ja auch „Mutter Natur" , und der Geist ist maskulin. Insofern ist es nur konsequent, dass Fußball ein nicht sonderlich intellektuell angelegtes Spiel ist, sondern sich der einfachen Natürlichkeit erfreut, und wo der Geist eine untergeordnete Rolle spielt (der runde Kopf wird hier ja auch eher zum Aufprall mit dem Ball genutzt als zum tiefen Denken).

Ein kleines Problem allerdings will noch beseitigt werden: Bei Tischfußball sind alle Figuren männlich. Als der Designer Marc Benz diesen unbefriedigenden Zustand ändern wollte, stellte sich heraus, dass  die anatomische Gestalt weiblicher Figuren Balanceprobleme  aufwirft; insbesondere dann, wenn Berühmtheiten zum Vorbild genommen wurden, die ausgesprochen weibliche Formen aufweisen: Pamela Anderson etwa war nicht in der Vertikalen zu halten, sondern fiel immer sofort in die Horizontale. Insofern eignen sich für Tischfußball besser knabenhaft-androgyne Tischfußballerinen.

2. emotional
Beim Fußballspielen - und je professioneller, desto heftiger - benehmen sich Männer so, wie es als typisch für Frauen gilt. Sie haben ein ausgeprägtes Gruppengefühl, und sie geben diesem reichlich Ausdruck durch enorme Gefühlswallungen: Sie brüllen, weinen, brechen zusammen, lachen, hüpfen vor Freude, stampfen zornig auf oder schlagen den Ball trotzig weg. Etwas Infantiles schlägt hier durch, und das wiederum liegt dem weiblichen Geschlecht (Kindfrau) weitaus näher als dem männlichen.

3. körperbetont
Mit der Emotionalität hängt eine stark ausgeprägte Körperlichkeit zusammen, die wir gern als  Girlie-Attitude bezeichnen würden - wenn da nicht (zur Erinnerung: Wir sprechen trotz allen unüblichen Gebarens immer noch über Männer im Fußballgeschehen ) diese homoerotischen Anklänge wären. Eigentlich jedoch sind ständiges Anfassen und der Wunsch nach großer Körpernähe typische Vergewisserungswünsche von Frauen beziehungsweise Mädchen, die damit viel weniger Probleme haben als ihre männlichen Gegenstücke. Im Fußball aber übertrifft der expressive Körperkontakt zwischen zwei oder gar mehreren Spielern alles mädchenhaft Dagewesene: Da werden Arme und Beine ineinander geschoben, es wird kokett am Leibchen gezerrt oder gar -  vor  Zehntausenden von Menschen - obszön an der gegnerischen Hose gefummelt. Das wird  dann von den Kommentatoren als „körperbetontes Spiel" analysiert und durchaus gelobt. Ansonsten wälzt man sich auf dem Boden, umarmt  sich, springt sich an, fasst sich zu Elft an den Händchen und schwingt sie von oben nach unten. Ganz erstaunlich aber wird es, wenn einer dieser Männer dazu übergeht, an sich selbst Hand anzulegen, um seinen  manchmal durchaus attraktiven Oberkörper vollständig zu entblößen. Zwei Versionen sind bekannt: entweder wird das Trikot zur triumphierend geschwungenen Fahne, oder das Top wird als Gespensterverkleidung genutzt - ein Brauch  allerdings, der bei Frauen schwächer ausgeprägt ist.

4. körperbetont

Mit der Emotionalität hängt eine stark ausgeprägte Körperlichkeit zusammen, die wir gern als  Girlie-Attitude bezeichnen würden - wenn da nicht (zur Erinnerung: Wir sprechen trotz allen unüblichen Gebarens immer noch über Männer im Fußballgeschehen ) diese homoerotischen Anklänge wären. Eigentlich jedoch sind ständiges Anfassen und der Wunsch nach großer Körpernähe typische Vergewisserungswünsche von Frauen beziehungsweise Mädchen, die damit viel weniger Probleme haben als ihre männlichen Gegenstücke. Im Fußball aber übertrifft der expressive Körperkontakt zwischen zwei oder gar mehreren Spielern alles mädchenhaft Dagewesene: Da werden Arme und Beine ineinander geschoben, es wird kokett am Leibchen gezerrt oder gar - vor  Zehntausenden von Menschen - obszön an der gegnerischen Hose gefummelt. Das wird  dann von den Kommentatoren als „körperbetontes Spiel" analysiert und durchaus gelobt. Ansonsten wälzt man sich auf dem Boden, umarmt  sich, springt sich an, fasst sich zu Elft an den Händchen und schwingt sie von oben nach unten. Ganz erstaunlich aber wird es, wenn einer dieser Männer dazu übergeht, an sich selbst Hand anzulegen, um seinen  manchmal durchaus attraktiven Oberkörper vollständig zu entblößen. Zwei Versionen sind bekannt: entweder wird das Trikot zur triumphierend geschwungenen Fahne, oder das Top wird als Gespensterverkleidung genutzt - ein Brauch allerdings, der bei Frauen schwächer ausgeprägt ist.

5. modisch
Fußballspieler können aber auch dann aufregend modisch-erotisch wirken, wenn sie ihre Kleidung anbehalten. Es gab Zeiten (1960er/1970er Jahre), da offenbarten sich uns Fußballspieler in höchst attraktiven Hot Pants, die wir sonst eher bei Frauen vermutet hätten.

Gern auch sähen wir bald die in Deutschland noch höchst umstrittene Po-Werbung, also interessante Werbesprüche und Brands auf dem Gesäß der Spieler. In anderen Ländern dürfen wir sie bereits bewundern, seit die FIFA die Hosenwerbung offiziell freigegeben hat. Und warum - so fragen wir uns erwartungsvoll - sollte die Werbung auf die spielerische Rückseite beschränkt sein, wenn wir sie doch ebenso gern auf der Hosenvorderseite sähen?

Im übrigen sind die männlichen Kicker auch beim Hairstyling und dem Aufwand, den sie darauf verwenden, den Frauen weit überlegen. Kein Fußballspieler aber hat Fashion und Body Design so perfekt und aufregend in diesen Sport eingebracht wie David Beckham. Der erfüllt sogar hetero- und homosexuelle Sehnsüchte in einer Person und zu gleicher Zeit. Mit der Vermarktung seines schönen Körpers und den modischen Hüllen, die ihn umschmeicheln, verdient er noch weitaus mehr als mit seinem - auch nicht gerade unterbezahlten - Kicken. Er ist die erfolgreiche und instrumentalisierte Sexbombe, die normalerweise den Frauen vorbehalten schien. Den weiblichen Fans bleibt dann nur, sich von den Röschen-Tattoos zu verabschieden und sie durch jene ihres Lieblingsvereins zu ersetzen: schlicht - etwa als Zahl 1887 -  für den HSV.

Einige geringfügige  Zweifel, ob Fußball tatsächlich typisch weiblich ist, bleiben. Denn überall dort, wo zum Beispiel im Internet explizit auf den Kontext „Frauen und Fußball" verwiesen wird, erscheinen Frauen erstaunlicherweise als Fußball-Dummchen: Ihnen wird die Abseitsregel ausführlich pädagogisch erläutert, Mädchenfußball läuft unter „footie chicks" und besteht überwiegend aus Mode, die nichts mit dem Fußballplatz zu tun hat; zum Glück gibt es eine Unterrubrik „serious footie chicks"  für Mädchen, die sich für Fußball interessieren. Und wieso viele uninspirierte Witzseiten das Dreieck Frauen - Sex - Fußball so zusammenführen, als ob Frauen rein gar nichts von Fußball verstünden, ist gänzlich unerklärlich. Wahrscheinlich  stammen solche unqualifizierten Einschätzungen von frauenfeindlichen Männern, die auf den Fußball deshalb verächtlich herabblicken, weil es sich um ein typisches Mädchen- und Frauenspiel handelt.

6. gendersensibel
Wie versöhnlich, politisch korrekt und frauensensibel hat es dagegen eine männliche Fußballlegende formuliert: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball." (Uwe Seeler)




* erstmals erschienen in: Nils Jockel/Jens Oestreicher (Hg.): Ball im Kopf (Kat.), Hamburg-Berlin 2005


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