| 14.09.2009Uta Brandes Männer spielen Frauenspiele* Es ist eigentlich so klar: Fußball ist weiblich. Umso erstaunlicher, dass dermaßen viele Männer sich dieser typisch weiblichen Tätigkeit hingeben - praktisch, theoretisch und rezeptiv. Gut, wir könnten versucht sein, daraus zu schließen, unsere Gesellschaft habe sich so weit emanzipiert, dass es kein Problem mehr darstellt, wenn Männer weibliche Bereiche erobern, ja darin sogar zu enthusiastischen Fans werden. Irritierend an dieser These ist lediglich, dass es sich bei Fußball offenbar um den annähernd einzigen frauentypischen Bereich handelt, in dem Männer wildern. Vergewissern wir uns exemplarisch wesentlicher Merkmale und Tätigkeiten, die männlich oder weiblich konnotiert sind, und vergleichen wir diese mit jenen, die beim Phänomen Fußball ins Auge springen: In unseren entwickelten westlichen Gesellschaften assoziieren wir als frauentypisch - um nur einige zu nennen: rund, emotional, körperbetont, modisch-erotisch... .
1. rund Ein kleines Problem allerdings will noch beseitigt werden: Bei Tischfußball sind alle Figuren männlich. Als der Designer Marc Benz diesen unbefriedigenden Zustand ändern wollte, stellte sich heraus, dass die anatomische Gestalt weiblicher Figuren Balanceprobleme aufwirft; insbesondere dann, wenn Berühmtheiten zum Vorbild genommen wurden, die ausgesprochen weibliche Formen aufweisen: Pamela Anderson etwa war nicht in der Vertikalen zu halten, sondern fiel immer sofort in die Horizontale. Insofern eignen sich für Tischfußball besser knabenhaft-androgyne Tischfußballerinen.
2. emotional
3. körperbetont 4. körperbetont Mit der Emotionalität hängt eine stark ausgeprägte Körperlichkeit zusammen, die wir gern als Girlie-Attitude bezeichnen würden - wenn da nicht (zur Erinnerung: Wir sprechen trotz allen unüblichen Gebarens immer noch über Männer im Fußballgeschehen ) diese homoerotischen Anklänge wären. Eigentlich jedoch sind ständiges Anfassen und der Wunsch nach großer Körpernähe typische Vergewisserungswünsche von Frauen beziehungsweise Mädchen, die damit viel weniger Probleme haben als ihre männlichen Gegenstücke. Im Fußball aber übertrifft der expressive Körperkontakt zwischen zwei oder gar mehreren Spielern alles mädchenhaft Dagewesene: Da werden Arme und Beine ineinander geschoben, es wird kokett am Leibchen gezerrt oder gar - vor Zehntausenden von Menschen - obszön an der gegnerischen Hose gefummelt. Das wird dann von den Kommentatoren als „körperbetontes Spiel" analysiert und durchaus gelobt. Ansonsten wälzt man sich auf dem Boden, umarmt sich, springt sich an, fasst sich zu Elft an den Händchen und schwingt sie von oben nach unten. Ganz erstaunlich aber wird es, wenn einer dieser Männer dazu übergeht, an sich selbst Hand anzulegen, um seinen manchmal durchaus attraktiven Oberkörper vollständig zu entblößen. Zwei Versionen sind bekannt: entweder wird das Trikot zur triumphierend geschwungenen Fahne, oder das Top wird als Gespensterverkleidung genutzt - ein Brauch allerdings, der bei Frauen schwächer ausgeprägt ist.
5. modisch Gern auch sähen wir bald die in Deutschland noch höchst umstrittene Po-Werbung, also interessante Werbesprüche und Brands auf dem Gesäß der Spieler. In anderen Ländern dürfen wir sie bereits bewundern, seit die FIFA die Hosenwerbung offiziell freigegeben hat. Und warum - so fragen wir uns erwartungsvoll - sollte die Werbung auf die spielerische Rückseite beschränkt sein, wenn wir sie doch ebenso gern auf der Hosenvorderseite sähen? Im übrigen sind die männlichen Kicker auch beim Hairstyling und dem Aufwand, den sie darauf verwenden, den Frauen weit überlegen. Kein Fußballspieler aber hat Fashion und Body Design so perfekt und aufregend in diesen Sport eingebracht wie David Beckham. Der erfüllt sogar hetero- und homosexuelle Sehnsüchte in einer Person und zu gleicher Zeit. Mit der Vermarktung seines schönen Körpers und den modischen Hüllen, die ihn umschmeicheln, verdient er noch weitaus mehr als mit seinem - auch nicht gerade unterbezahlten - Kicken. Er ist die erfolgreiche und instrumentalisierte Sexbombe, die normalerweise den Frauen vorbehalten schien. Den weiblichen Fans bleibt dann nur, sich von den Röschen-Tattoos zu verabschieden und sie durch jene ihres Lieblingsvereins zu ersetzen: schlicht - etwa als Zahl 1887 - für den HSV. Einige geringfügige Zweifel, ob Fußball tatsächlich typisch weiblich ist, bleiben. Denn überall dort, wo zum Beispiel im Internet explizit auf den Kontext „Frauen und Fußball" verwiesen wird, erscheinen Frauen erstaunlicherweise als Fußball-Dummchen: Ihnen wird die Abseitsregel ausführlich pädagogisch erläutert, Mädchenfußball läuft unter „footie chicks" und besteht überwiegend aus Mode, die nichts mit dem Fußballplatz zu tun hat; zum Glück gibt es eine Unterrubrik „serious footie chicks" für Mädchen, die sich für Fußball interessieren. Und wieso viele uninspirierte Witzseiten das Dreieck Frauen - Sex - Fußball so zusammenführen, als ob Frauen rein gar nichts von Fußball verstünden, ist gänzlich unerklärlich. Wahrscheinlich stammen solche unqualifizierten Einschätzungen von frauenfeindlichen Männern, die auf den Fußball deshalb verächtlich herabblicken, weil es sich um ein typisches Mädchen- und Frauenspiel handelt.
6. gendersensibel
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