dumme Wörter
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Kunsthandwerk

Gleiche Missverständnisse bieten die Kategorien „Angewandte Kunst“ und „Kunstgewerbe“.

Das Missverständnis begibt sich bei diesen Wörter durch die Addition des Wortes „Kunst“, denn dieses Wort an dieser Stelle soll doch lediglich auf eine besondere Art von Handwerk oder Gewerbe hinweisen, damit aufwerten und von anderem Handwerk oder Gewerbe absetzen. Berufen kann sich das auf jene sogenannte Bewegung „arts & crafts“, die – wesentlich gestützt durch William Morris und John Ruskin – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die mit der zumal in England begonnenen Qualitäts-Minderung der Produkte durch die Industrialisierung aufkam. Klar, die Industrialisierung setzte anfänglich bloß auf neue Techniken, Effizienz, die Qualität der Produkte selbst wurde völlig vernachlässigt. Außerdem war durch die Industrialisierung ein völlig neuer Markt entstanden, in dem die Käuferinnen und Käufer nur noch Teil einer anonymen Masse geworden waren. Industrialisierung bedeutete Massenproduktion und konnte keine Rücksicht nehmen auf einzelne Bedingungen und Bedürfnisse.

Jene englische Bewegung, die dann als „Kunsthandwerk“ o.ä. übersetzt wurde, versuchte durch einen vermeintlichen Rückgriff auf die bildenden Künste neue Qualität vor allem in der Gestaltung von Interieurs und auch von Architektur einzufordern und selber zu formulieren. Was durchaus im Rückgriff auf vorindustrielle Produktionsweisen und Vorstellungen geschah; nicht unversehens beschwor William Morris in seinem Buch „Kunde von Nirgendwo“ das Mittelalter als positiv gestalterische Kompetenz. Also keine wegweisende, vielmehr eine konservative, rückwärts gewandte Konzeption.

Nun muss man zugeben, dass die bildenden Künste noch im Mittelalter und auch während der Renaissance große Werkstätten aufgebaut hatten und auch immer über handwerkliche Fähigkeiten verfügen mussten. Doch allmählich bewegte sich die Kunst sehr radikal aus dem Handwerk heraus, gewann große Freiheit und koppelte sich vehement von jeglicher unmittelbaren Brauchbarkeit ab. „Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere“ schrieb völlig einsichtig Ad Reinhardt als Künstler – und forderte genau damit die Alleinstellung von Kunst als, so könnte man schreiben, radikal asozial ein. Kunst darf nicht brauchbar sein, realisiert sich allein als Kunst. Das Design hingegen legitimiert sich ausschließlich durch die Möglichkeit des Gebrauchs: Ziel von Design ist, nützlich zu sein – für wen auch immer.

Doch diese ebenso offene wie deutliche Form von Gestaltung als Design entstand erst Ende der 1930er Jahre in den USA, insbesondere durch Raymond Loewy, der es nicht mehr nötig hatte, sich als Künstler darzustellen.

Doch in bestimmten Bereichen des Handwerks und auch in der Benennung von Museen hielt sich jene schier verzweifelte Aufwertung des eigenen Tuns durch den Hinweis auf die Kunst. Schlicht überflüssig, denn das Design kommt ohne solche Bemühungen um Aufwertung durch vermeintliche „Kunst“-Veredelung aus.

 

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